Die Nacht der Nächte
Irgendwann muss du nach Biel...
... und irgendwann war am 11. Juni 2010. Ich wollte es endlich wissen, was die Faszination Biel ausmacht, dort einen 100 km Lauf in der Nacht zu laufen.
Die Marathonstrecke beherrsche ich inzwischen sicher und nach unserem gemeinsamen Berlin-Marathon war mir klar, jetzt muss etwas anders kommen. So wurde die fixe Idee einen Ultralauf zu meistern immer konkreter. Die Vorbereitung auf meinen ersten 100er begann im Herbst 2009 mit dem Marathon in der fränkischen Schweiz. Das Training im letzten Winter stellte mich vor so manche Herausforderung bei klirrender Kälte und Schnee die Schuhe zu schnüren und den inneren Schweinehund daheim vor dem Ofen zu lassen. Trotz allem blieb ich im Zeitplan und war nach dem Trainingsmarathon im April in Staffelstein sicher die 100 km zu packen.
In Biel angekommen spürte ich schon die Vorfreude und Anspannung auf das Laufevent. Die Wettervorhersage prophezeite Regenschauer in der Nacht bei ca. 14°C. Die Kleider- und Ernährungsfrage wurde bis 2 Stunden vor dem Start besprochen. Endlich waren die Sachen abgegeben und das Warten auf den Startschuss hatte ein Ende. Pünktlich um 22:00 Uhr setzte sich das Läuferfeld langsam in Bewegung, die ersten 5 km durch Biel mit reger Zuschauerbeteiligung wie bei einem Stadtmarathon. Der erste Gedanke nur nicht zu schnell anlaufen, schließlich war die Nacht noch jung und es warteten noch jede Menge Kilometer.
Den ersten Anstieg hinter Port bei km 8 von 120 Höhenmetern über einen km laufe ich langsam und nehme die Warnungen ernst es behutsam angehen zu lassen. 100 km sind für mich gar nicht einzuschätzen und ich vermeide jede Kraftvergeudung. Die nächsten km gehen über befestigte Feldwege, die ohne eigenes Licht noch gut zu belaufen sind. Das erste Erlebnis auf das ich mich gefreut habe, ist die 400 Jahre alte bedeckte Holzbrücke in Aarberg. Und ich werde nicht enttäuscht! Wie aus dem Nichts steht sie plötzlich vor mir, die Zuschauer stehen dicht an dicht an den Rändern und spenden reichlich Beifall. Toll ist das Erlebnis, auf einem extra ausgerollten blauen Teppichboden zu laufen, richtig edel. Hinter der Brücke beglückt mich der unvergleichliche Anblick des hellerleuchteten historischen Marktplatzes. Leider ist dieser schöne Moment wirklich nur ein solcher und kurze Zeit später schon wieder vorbei. Noch habe ich über 81 km vor mir und es folgen noch weitere bleibende Eindrücke.
Hinter Aarberg geht es weiter in die mondlose Sommernacht über Ortsverbindungsstrassen bis Lyss. Hier warten bereits die Radbegleiter auf ihre Schützlinge oder die Läufer auf ihr Versorgungsfahrrad. Es herrscht richtig Trubel in der Nacht. Ein Fünftel der Strecke ist passiert, bisher geht es mir gut und denke so kann es weiter gehen. In den Ortschaften sind auch in der Nacht die Einwohner an der Strecke und beklatschen jeden Läufer aufs Neue. Der eine oder andere hat für die ganz Durstigen unter uns zum Ausgleich des Mineralhaushaltes auch ein Bierchen parat. Auf dem Weg nach Oberramsern durchqueren wir das Limpachtal begleitet von Kuhglocken in dem Licht der Begleitfahrräder. Hier ist das Ziel für die Marathonläufer und Wechselort der Staffelläufer, dementsprechend laut erscheint es mir nach der Stille im Tal. Die Nacht wird zum Tage gemacht, von Müdigkeit keine Spur.
Ab KM 45 denke ich so weit bin ich bisher noch nicht gelaufen, was macht den 100er aus, wann wird man zum Ultraläufer? Die Antwort muss ich mir noch schuldig bleiben. Plötzlich steht rechts neben mir im Halbdunkel das 50 km Schild. Die Hälfte ist also geschafft, jetzt trete ich den Rückweg an und es geht mir immer noch gut! Bis Kirchberg ist es nicht mehr weit, dort ist eine große Versorgungsstation mit der Möglichkeit des Kleiderwechsels eingerichtet. Hier lasse ich mir Zeit und genieße die Atmosphäre um 4 Uhr in der Früh. Hinter Kirchberg beginnt der Emmendamm ,auch Ho Chi Minh Pfad genannt, hier kommt die Taschenlampe endlich zum Einsatz. Die nächsten 10 km über Wurzeln, Steine auf einem Pfad oberhalb der Emme zum nächsten Versorgungsposten. Zum Glück dürfen die Fahrräder hier nicht lang, an manchen Stellen ist es so eng, dass auch 2 Läufer nicht nebeneinander laufen können. Vor mir ein Schlurfer, der die Füße nicht hoch bekommt und von hinten kommen die Nachfolgenden, die mir so dicht auf den Fersen sind, dass ich im Schatten der Lampen nichts sehen kann. So nutze ich die nächste Möglichkeit und lasse die Schlurfer und Leuchten hinter mir. Bei km 65 am Ende des Emmendammes wartet die Radarmada auf die nicht mehr ganz frischen Ultraläufer. Inzwischen hat der Tag die Nacht vollständig verdrängt und ich laufe immer noch bei Vogelgezwitscher und aufgehender Sonne. Nun sind es nur noch 30km und in Gedanken beginnt ein langer Trainingslauf am Kanal oder wo auch immer. Die nächsten 10 km ziehen sich über Asphalt durch noch schlafende Orte, in denen nur die Bäckereien erleuchtet sind und mit ihrem Duft nach frischen Brötchen und Kaffee locken. Nun ist es ja nicht mehr weit und beim letzten Anstieg in Bibern läuft keiner mehr. Alle sind in einem mehr oder weniger schnellen Walkingschritt verfallen. Das Runterlaufen in das Aaretal tut jetzt in den Oberschenkel richtig weh, nur nicht locker lassen es wird schon wieder aufhören. Die wunderschöne Streckenführung an der Aare lässt die Schmerzen vergessen und das Ziel in greifbare Nähe rücken. Die letzte größere Stadt vor Biel ist Büren an der Aare bei km 90 noch ein paar Kurven und Biel ist fast in Sicht. Die letzten 5 km werden einzeln angezeigt und die Vorfreude auf das Ziel und es geschafft zu haben nimmt mit jedem Schritt zu. Das Wetter war perfekt zum Laufen, ein paar Spritzer von oben, ideale Temperaturen in der Nacht und am Morgen noch nicht zu heiß. Auf den letzten 2 Kilometern ließ ich mich von den Bielern ins Ziel tragen, die nicht müde wurden an der Strecke zu stehen. Der Zieleinlauf wird ein unvergessliches Erlebnis bleiben, mein persönliches Ziel unter 12 Stunden zu bleiben habe ich mit 11:21 Stunden erreicht.
Fazit: Dieser Lauf ist einzigartig, nicht nur wegen der Länge, sondern der Landschaft wegen, dem Wechsel zwischen hell und dunkel, dem Trubel an den Verpflegungsstellen, der Stille in der Nacht. Auch wenn der Veranstalter mit nahezu Tausend Helfern einen großen Aufwand treiben muss, es rentiert sich, wir Läufer danken es ihm. Ich hoffe die Teilnehmerzahlen werden nicht wieder sinken, dann sehe ich gute Chancen, dass uns dieser Lauf noch lange erhalten bleibt.
Kersten Heckmann-Ludwig